Die Einheit unter der Woche hat eine undankbare Doppelrolle: Sie soll auf das Wochenende vorbereiten, darf dafür aber nichts von dem verbrauchen, was am Wochenende gebraucht wird. Der Ausweg liegt nicht in weniger Inhalt, sondern in einer anderen Art von Belastung — nicht Beine, sondern Köpfe. Diese Einheit ist deshalb konsequent auf Entscheidungen gebaut: Jede Übungsform stellt Angriff und Abwehr vor eine Wahl, die vom Verhalten des Gegenübers abhängt.
Der Aufbau ist bewusst traditionell — Ankommen, Aufwärmen, Kontinuum, Hauptteil, freies Spiel. Nicht aus Gewohnheit, sondern weil eine Einheit vor dem Spiel Verlässlichkeit haben darf. Die Spieler wissen, was kommt, und können ihre Aufmerksamkeit dorthin legen, wo sie gebraucht wird: in die Entscheidungssituationen.
Aufbau der Einheit (ca. 120 Minuten)
| Phase | Dauer |
|---|---|
| Ankommen & freies Einlaufen | 5 Min |
| MAPS — Mobilisieren, Aktivieren, Potenzieren, Spezialisieren | 30 Min |
| Einpassen & Toreinwerfen | 15 Min |
| Kontinuum 1 — LA auf RL, Entscheidung RR oder RA | 10 Min |
| Kontinuum 2 — Verlagerung über RM, Entscheidung RR oder RA | 15 Min |
| Hauptteil — Überzahl mit Wurfrestriktion, Abwehr von der blinden Seite | 25 Min |
| Freies Spiel — 3 gegen 3 mit Zuspieler auf eine Seite | 20 Min |
Ankommen: die ersten fünf Minuten gehören der Mannschaft
Fünf Minuten freies Einlaufen, ohne Aufgabe. Wer schon in der Halle ist, läuft los; wer später kommt, steigt ein. Es wird geredet, und das ist keine Duldung, sondern der Zweck: Die Gruppe kommt vom Tag in die Halle. Wer diese fünf Minuten streicht, holt sich die Gespräche später — dann allerdings mitten in der ersten Übungsform.
MAPS: Aufwärmen mit System
Danach wird das Aufwärmen sortiert. MAPS ist der Aufwärm-Baustein aus dem Athletikkonzept des Deutschen Handballbundes, und die vier Großbuchstaben sind die vier Phasen:
Die vier Phasen
- M — Mobilisieren: Gelenke durch den vollen Bewegungsumfang bringen. Schulter, Hüfte, Sprunggelenk, Brustwirbelsäule — also genau die Bereiche, die im Handball unter Last stehen.
- A — Aktivieren: Einzelne Muskeln und ganze Ketten gezielt ansprechen. Kniebeuge, Ausfallschritt, Rumpfarbeit — Spannung aufbauen, Dehnfähigkeit erhöhen.
- P — Potenzieren: Das Nervensystem hochfahren. Kurze, intensive Reize — Sprünge, Antritte, azyklische Bewegungen bei maximaler Geschwindigkeit. Kurz genug, dass keine Ermüdung entsteht.
- S — Spezialisieren: Die Zielhandlung vorbereiten. Ab hier ist der Ball dabei, und die Bewegungen sehen aus wie das, was gleich trainiert wird.
30 Minuten sind dafür großzügig gerechnet, und das ist Absicht: In der Woche vor dem Spiel ist das Aufwärmen kein Vorprogramm, sondern selbst schon Trainingsinhalt — Verletzungsprophylaxe inklusive. Die Poster des DHB zu den einzelnen Schwerpunkten (Schulter, Knie, Torhüter) sind als PDF frei verfügbar und eignen sich gut als Kopiervorlage für die Halle.
Zum Nachlesen beim DHB: Athletikkonzept (ATK) im DHB-Trainercenter · MAPS-Poster „Allgemein“ (PDF) · Hintergrund zum Athletikkonzept
Einpassen & Toreinwerfen — bewusst ohne Zusatzaufgabe
Anschließend wird eingepasst und eingeworfen, und zwar ganz klassisch: Passformen, Torwürfe, Torhüter warm. Keine Konzentrationsaufgaben, keine Ausdauerkomponente, keine Doppelbelastung-Spielereien. Das ist keine verschenkte Viertelstunde, sondern die bewusste Entscheidung, die Aufmerksamkeit der Mannschaft nicht vor dem Hauptteil zu verbrauchen. Die Torhüter bekommen hier ihre Wurfbilder, die Werfer ihren Rhythmus — mehr soll es nicht sein.
Kontinuum 1: RL liest den gegenüberliegenden Halbverteidiger
Der erste Übungsteil ist bewusst einfach gehalten. Besetzt sind Linksaußen, Rückraum links, Rückraum rechts und Rechtsaußen. Dazu stehen zwei Abwehrspieler auf den Halbpositionen — mehr nicht.
Gestartet wird über den Außen: LA passt zu RL. Der ballführende Rückraumspieler stößt gegen seinen Halbverteidiger an und liest dessen Verhalten. Daraus ergeben sich genau zwei Anschlusshandlungen — je nachdem, was der Verteidiger anbietet: der Parallelpass auf den gegenüberliegenden Rückraumspieler oder das Anspiel auf den Außen.
Abgeschlossen wird in dieser Stufe bewusst nicht. Der Ball läuft weiter, und der nächste Durchgang startet spiegelverkehrt von der anderen Seite. Das hält die Aufmerksamkeit dort, wo sie hingehört: beim Lesen des Verteidigers, nicht beim Abschluss.
Kontinuum 2: Der Rückraum-Mitte übernimmt
Die Erweiterung ist klein, der Unterschied groß. Jetzt kommt der Rückraum-Mitte dazu, und die Entscheidung wandert zu ihm. Er bekommt den Ball von RL oder RR und muss nun seinerseits das Verhalten des gegenüberliegenden Abwehrspielers lesen: Anspiel auf RR — oder direkt durch auf RA.
Ein Detail, das den Raum dafür überhaupt erst schafft: RL steht deutlich weiter außen als gewohnt. Genau in den Raum, den er damit freihält, verlagert RM mit dem Ball, bevor er seine Entscheidung trifft.
Damit hat die Übung ihren eigentlichen Zweck erreicht: Der Ball läuft nicht mehr nach Schema, sondern die Position, die als Nächstes gefährlich wird, ergibt sich erst aus dem, was die Abwehr anbietet. Für den RM ist das eine Position mit permanentem Kopfdruck — genau das, was ihn am Wochenende erwartet.
Hauptteil: Überzahl mit Restriktion — und eine Abwehr, die von hinten kommt
Im Hauptteil bekommt der Angriff eine Überzahl und die Abwehr einen klaren Auftrag. Aufgestellt wird mit fünf Angreifern (LA, RL, RM, RR, RA) gegen vier Abwehrspieler auf der ballnahen Seite: Nr. 2 und Nr. 3 auf der linken Seite, innen Nr. 5 und außen Nr. 4 auf der rechten. Der Korridor zwischen den Markierungen — die Wurfzone des RM — bleibt in der Ausgangsstellung frei.
Auftrag Angriff
- Tore werfen — aus der Überzahl heraus, ohne festes Muster.
- Restriktion für den RM: Er darf ausschließlich innerhalb der 9 m und zwischen den beiden Markierungen abschließen, und zwar per Schlagwurf. Alles andere ist für ihn kein gültiger Abschluss.
- Damit ist der RM gezwungen, sich den Raum zu erarbeiten, statt aus der Distanz abzuziehen — und die Abwehr weiß es. Genau das macht die Situation für beide Seiten interessant.
Auftrag Abwehr
- Variante 1 — blinde Seite: Nr. 3 attackiert den RM aus dessen Rücken heraus und macht ihn fest, bevor er in seine Wurfzone kommt; Nr. 2 bleibt beim Linksaußen.
- Variante 2 — offensiv außen: Außenverteidiger Nr. 4 geht offensiv auf RR (bzw. spiegelverkehrt auf RL) heraus und macht diesen fest.
- Absicherung: Gelingt Nr. 4 das Festmachen nicht, kreuzt Nr. 5 hinter Nr. 4 durch und verteidigt den Rechtsaußen. Die Abwehr rutscht damit von der Zweikampf- in die Helferordnung — nach außen, nicht nach innen.
Die kritischen Punkte — und woran sie in der Halle scheitern
Schnelles Umschalten in die Helfersituation
Der Moment, in dem Nr. 4 herausgeht, ist der Moment, in dem hinter ihm eine Lücke entsteht. Nr. 5 muss gleichzeitig losgehen, nicht dann, wenn der Ball schon auf dem Weg zum Außen ist. Geholfen wird hier nach außen — das ist die Umkehrung dessen, was die meisten Abwehrspieler reflexhaft tun.
Coaching-Frage: „Wann bist du losgelaufen — als er rausging oder als der Ball flog?“
Konsequentes Festmachen
Halbherzig herausgehen ist die schlechteste aller Optionen: Der Angreifer ist nicht gebunden, die Lücke ist trotzdem auf. Wer offensiv geht, geht ganz — mit Körperkontakt, Armarbeit und dem klaren Ziel, den Gegenspieler festzumachen, statt ihn nur zu begleiten.
Coaching-Frage: „Hat er den Ball noch frei bewegen können?“
Den misslungenen Blindside-Hit ausnutzen
Für den Angriff ist der interessanteste Moment nicht der erfolgreiche Zugriff, sondern der verpasste. Kommt der Verteidiger von der blinden Seite und erwischt den RM nicht, ist die Seite offen, von der er gekommen ist — dorthin muss der Ball. Das klingt banal und ist im Spiel die Handlung, die am häufigsten ausbleibt, weil der RM nach dem Kontakt reflexhaft nach vorn statt zurück schaut.
Coaching-Frage: „Wo war er vorher — und wer steht jetzt dort nicht mehr?“
Antizipation antizipieren
Sobald die Abwehr die Situation gelesen hat, beginnt sie vorzugreifen. Genau dann wird das antizipative Verhalten selbst zur Lücke — und der Angriff muss es seinerseits lesen. Wer als Verteidiger zu früh nach außen kreuzt, öffnet innen; wer zu früh auf den Blindside geht, öffnet den direkten Weg. Diese zweite Ebene ist das eigentliche Lernziel des Hauptteils.
Rollen rotieren — aber langsam. Natürlich wird durchgewechselt. Entscheidend ist die Verweildauer: Jeder Spieler bleibt lange genug in seiner Rolle, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Situation ausnutzbar bzw. verhinderbar ist. Zwei, drei Durchgänge reichen dafür nicht — das ist der häufigste Fehler bei Übungen dieser Art.
Freies Spiel: 3 gegen 3 mit Zuspieler statt 4 gegen 4
Zum Abschluss soll das Ganze ins freie Spiel. Ein 4 gegen 4 im Rückraum bietet sich hier nicht an — es ist zu breit, die Situationen werden unschärfer, und die Kernsituation aus dem Hauptteil kommt kaum noch vor. Stattdessen: 3 gegen 3 mit Zuspieler auf eine Seite. Der Raum bleibt eng, die Zweikämpfe bleiben die, um die es ging, und der Zuspieler hält den Ball im Fluss.
- Start eng auf einer Seite, danach sukzessive erweitern — erst der Außen dazu, dann der zweite Rückraumspieler, dann die volle Breite.
- Die Abwehr hat in jeder Ausbaustufe den Auftrag, offensiv zu verteidigen. Wer hier ins Abwarten kippt, nimmt der ganzen Einheit rückwirkend die Grundlage.
- Formationsvorgabe je nach Mannschaft: offensive Zuordnung im Kleinfeld, im erweiterten Aufbau gern auch als 3:2:1.
Warum diese Einheit vor dem Spiel funktioniert
Sie ist im Kern nicht anstrengend. Die Läufe sind kurz, die Wiederholungszahlen moderat, die Belastungsspitzen liegen im Aufwärmen und nicht im Hauptteil. Was sie fordert, ist Aufmerksamkeit: Jede Übungsform verlangt eine Wahl, die vom Gegenüber abhängt, und keine einzige lässt sich durch Auswendiglernen lösen.
Genau das ist die Vorbereitung, die am Wochenende trägt. Kein Spielzug hält der ersten Abwehrreaktion stand — was hält, ist die Gewohnheit, im entscheidenden Moment hinzuschauen, statt abzuspulen.